Predigt vom 24. Mai 2020 - 7. Sonntag der Osterzeit

Gedanken zum Sonntagsevangelium
24. Mai 2020
7. Sonntag nach Ostern
Predigt zum Selberlesen
Liebe Großarlerinnen und Großarler,
liebe Hüttschlagerinnen und Hüttschlager!
„Ich bin bei euch alle Tage“ ein Wort, das trägt wie eine Brücke
Waren Sie schon einmal in Venedig? Möglicherweise noch nicht. Und doch,
da bin ich mir ganz sicher, haben Sie von Venedig ein Bild vor Augen. Viel-
leicht ist es der Markusdom mit seinem großen Platz und den vielen Tau-
ben. Ganz sicher haben Sie die Kanäle vor Augen mit ihren unzähligen Brü-
cken. Jede Brücke ein Kunstwerk. Ja, Venedig und seine Brücken. Ähnlich
ergeht es Ihnen vielleicht mit Rom, Paris, London oder San Francisco. Ne-
ben berühmten Bauwerken, vor allem Kirchen und Palästen, sind es nicht
zuletzt Brücken, die das Bild einer Stadt mitprägen. Ob in Rom die Brücken
über den Tiber, die Tower-Bridge in London, die Seine-Brücken in Paris, die
Golden Gate Bridge in San Francisco, oder eben die Brücken in Venedig, sie
alle folgen einem unverzichtbaren Bauprinzip: Sie sind auf festem Grund
gebaut. Und sie haben noch etwas gemeinsam, sie haben etwas Verbin-
dendes und etwas Tragendes, Überbauendes, eben das, was eine Brücke
ausmacht. Brücken führen über Hindernisse. Das kann unwegsames Ge-
lände, felsiges Gebiet sein. Das nnen Täler sein, Abgründe, Flüsse, Seen,
Moore, Schluchten.
Was hat das mit dem heutigen Sonntag zu tun?“, werden Sie fragen.
Ganz viel. Denn wenn wir uns den heutigen Tag näher anschauen, stellen
wir fest, dass wir uns zwischen zwei Eckdaten befinden, wie zwischen zwei
Brückenpfeilern: Zwischen Ostern und Pfingsten, genauer zwischen Christi
Himmelfahrt und Pfingsten. Für die Apostel ganz bestimmt eine Zeit, die
von Unsicherheit, von Ängsten bestimmt war. Eine steinige Zeit, Abgründe
lauerten, Schluchten taten sich auf. Hoffnung und Wirklichkeit waren zer-
klüftet. Was sie brauchten, war etwas, das sie hielt, das sie trug, sie
brauchten etwas Verbindendes, etwas, das sie vor allem auch mit dem
verband, der von ihnen gegangen war, dessen Abschied mehr Fragen als
Antworten hervorrief. Wie die Apostel sich in dieser Zeit verhielten, wie sie
mit ihren Ängsten und Fragen umgingen, haben wir eben gehört: „Sie gin-
gen in das Obergemach hinaus, wo sie nun ständig blieben“, heißt es in der
Apostelgeschichte. „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet“, erfahren
wir dann weiter. Und dieser Satz war und ist wohl von entscheidender Be-
deutung: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet.“
Nach der Aufnahme Jesu in den Himmel verzweifelten sie also nicht. Sie
verfielen auch nicht in hektische Aktivitäten, sie liefen nicht auseinander,
nein sie blieben beieinander und beteten. Das Gebet wurde zur Brücke.
Himmel und Erde berührten sich. Diese Brücke, das Gebet, trug sie. Die
Gebetsbrücke verband die Apostel und die Frauen auch untereinander. Sie
war zugleich die Verbindung zu ihrem Christus, um dessen Wiederkunft sie
beteten. Und sie beteten um den Geist, den Christus ihnen versprochen
hatte, den Beistand. Die Gebetsbrücke stand auf festem Grund: Auf dem
Glauben, der sich aus dem Wort und dem Leben Jesu speiste. Er hatte sie
in rechter Weise beten gelehrt, und er hatte sie nie im Stich gelassen. Die-
se Erfahrung hatten sie gemacht. Er hatte sie sogar im Tod nicht allein ge-
lassen. In seiner Verherrlichung durch den Vater war er ihnen nahe. Er hat
sie im Glauben gestärkt. Denken wir an die Erscheinungsgeschichten. Und
er hat ihnen zugesagt, allezeit bei ihnen zu sein. Bis an das Ende der Welt.
Ihr Gebet wurde erhört: Pfingsten. Mit dem Pfingstfest begann eine neue
Zeitrechnung, ja eine Zeitenwende in der Geschichte der Menschheit. Die
Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten eine Gebetszeit, eine
Brückenzeit, in der sich Himmel und Erde berühren.
Übrigens, kann es sein, dass auch wir, in unserer aktuellen kirchenge-
schichtlichen Zeit, ebenfalls ein Brückenerlebnis haben, eine Brückenzeit
durchmachen? Geschichtliche Epochen zu vergleichen verbietet sich zu-
meist. Aber vielleicht ist es doch zulässig, unsere Zeit, in der wir heute le-
ben, mit der damaligen Zeit vor Pfingsten zu vergleichen. So wie Jesus von
seinen Jüngern Abschied nahm und ihnen die Verantwortung für die Kirche
auftrug, nehmen immer mehr Priester heute Abschied von uns und über-
tragen den Laien Verantwortung für die Kirche. Neupriester kommen kaum
nach. Gemeinden werden zusammengelegt, größere Seelsorgeeinheiten
entstehen. Ein Pfarrer ist nicht selten für mehrere Gemeinden verantwort-
lich. Und wie geht es den Menschen dabei?
Viele erleben diese Zeit als sehr steinig, felsig. Auch hier tun sich
Schluchten auf, Seen, Moore, Abgründe. So mancher geht. So mancher
ertrinkt oder stürzt ab. Vielleicht auch, weil bei allen strategischen und
strukturellen Überlegungen und Aktivitäten eines zu kurz kommt: Das Ver-
bindende, das Tragende, das Haltende, das Überbauende: das Gebet. Das,
was die Jünger damals über ihre Ängste und Fragen, wie es denn weiterge-
hen sollte, hinwegtrug: Oder kann es sein, dass wir heute der Gebetsbrü-
cke nicht mehr trauen? Wie sieht es mit unserem Vertrauen in die Wirk-
macht des Heiligen Geistes aus, als Fundament dieser Brücke? In acht Ta-
gen ist Pfingsten. Spätestens ab heute sollten wir wieder anfangen, dem
Vater im Heiligen Geist etwas zuzutrauen. Und wir haben das Wort des
Sohnes, des größten Brückenbauers aller Zeiten: Ich bin bei euch alle Ta-
ge, bis an das Ende der Welt. Ein Wort, das trägt. Wie eine Brücke.
Liebe Grüße -
Euer Pfarrer Egbert Piroth